Interview mit Dr. Markus Engstler, Präsident VBIO e.V.
Fragen an Prof. Dr. Markus Engstler, Präsident des Verbandes Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO e. V.)
Kurzbeschreibung des VBIO
Der VBIO repräsentiert über 25.000 Mitglieder. Als Dachverband vereint er 26 biologischer Fachgesellschaften. Er hat aber auch Einzelmitglieder, die in Landesverbänden organisiert sind. Er repräsentiert damit einen Querschnitt der biologischen Expertise in Deutschland.
Ziele des Verbandes sind unter anderem die Förderung des Informations- und Meinungsaustausches zwischen den Fachdisziplinen, die Förderung des Biologieunterrichtes sowie von Forschung und Lehre in den Biowissenschaften. Der VBIO fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs und die biologieorientierten Aus-, Fort- und Weiterbildung.
Aktivitäten zu „Beruf und Karriere“ sind ein wichtiges Standbein des VBIO. Ein ebenso wichtiges Aktionsfeld ist der Bereich „Wissenschaft und Gesellschaft“, der sich mit der Rezeption biologischer Themen in der Öffentlichkeit sowie der Beratung und Zusammenarbeit mit Gesetzgebungs- und Verwaltungsorganen widmet.
1. Resümee seit Amtsantritt im Mai 2025
Seit meinem Amtsantritt ist mir die Vielfalt der Biologie noch einmal sehr deutlich geworden. – das ist schon bemerkenswert divers, was mich da seit meiner Wahl an Anfragen und Anregungen erreicht. Als Hochschullehrer sind mir die unterschiedlichen biologischen Teildisziplinen von Molekularbiologie bis Ökologie natürlich stets bewusst. Aber auch die Institutionen und Tätigkeitsfelder die unsere Mitglieder repräsentieren ist sehr bemerkenswert: Von Schule und Hochschule bis zur angewandten Forschung und Wirtschaft.
Doch so vielfältig und spezifisch die Herausforderungen im Biologie-Kosmos jeweils sind, so zeigen sich auch Gemeinsamkeiten. Stichworte sind zunehmende Bürokratisierung und der Mangel an Fach- und Nachwuchskräften.
Absolvent/-innen biologischer Studiengänge stehen eine Vielfalt an Berufsfeldern offen – gerade auch außerhalb der Akademia. Wir beobachten aber auch, dass diese Vielfalt nicht selten mit einer gewissen Orientierungslosigkeit bezüglich der eigenen Joborientierung einhergeht. Vielen fällt der Sprung aus der Wissenschaft in den (Freien) Beruf schwer. Daher haben wir als VBIO unsere Veranstaltungen zur Berufsfeldorientierung deutlich ausgebaut.
Noch mal zurück zum Stichwort „Bürokratie“: Biologie und ihre Anwendungen sind hochgradig reguliert. Das ist aus Gründen des Gesundheits- und Umweltschutzes auch völlig nachvollziehbar. Es werden aber eben auch Organismen reguliert, die im Regulationstext selbst explizit als sicher definiert sind. Das scheint mir doch übers Ziel hinaus geschossen…
Der VBIO wird sich daher auch weiter dafür ein, dass biologisches Arbeiten unter Beachtung aller real notwendigen Sicherheitsvorkehrungen möglich bleibt.
Die Herausforderungen für uns als Biologenverband sind immens und unsere Kräfte begrenzt. Trotzdem haben mich die letzten Monate doch verhalten positiv gestimmt.
2. Was verspreche ich mir von der Zusammenarbeit mit Vertretern der Freien Berufe
Biolog/-innen sind längst nicht nur im akademischen System tätig. Sie arbeiten in Beratung, Diagnostik, Umweltanalytik, Biotechnologie, Medizin, im Bildungsbereich oder in der selbstständigen Forschung.
Hier gibt es viele thematische Parallelen zu Themen, die auch die freien Berufe beschäftigen: Fragen der Anerkennung, der Regulierung, der unternehmerischen Rahmenbedingungen und der gesellschaftlichen Wertschätzung.
Stichwort Wertschätzung: Die Biologie ist systemrelevant - für Gesundheit, Ernährungssicherheit, Biodiversität, Energie- und Klimafragen. Diese Relevanz schlägt sich aber weder berufsrechtlich noch wirtschaftspolitisch nieder.
Derzeit ist der Berufsstand der Biolog/-innen in Deutschland strukturell und institutionell nicht explizit verankert. Anders als etwa bei Ärzten, Apothekern oder Architekten, existieren weder ein gesetzlich geregeltes Berufsrecht oder gar eine Körperschaft der beruflichen Selbstverwaltung.
Hier wünsche ich mir einen besseren Informations- und Erfahrungsaustausch mit den Vertretern aus den Freien Berufen. Perspektivisch sollten wir gemeinsam eine stärkere Sichtbarkeit wissenschaftsbasierter freier Berufe - über die Biologie hinaus - gegenüber Politik und Öffentlichkeit anstreben.
3. Was möchte ich in meiner Amtsperiode unbedingt durchsetzen?
Es gibt natürlich eine Reihe von Themen, die mir persönlich sehr am Herzen liegen, etwa die akute Gefährdung zentraler Forschungsinfrastrukturen (etwa wissenschaftlicher Datenbanken), die Zukunft der Biotechnologie oder die Rolle der Künstlichen Intelligenz für Forschung und Lehre.
Dennoch geht es mir nichtvorrangig um die Durchsetzung singulärer Forderungen, sondern darum, notwendige Debatten neu zu beleben. Das betrifft die interne Reflektion in der Community, etwa in Hinblick auf eine stärkere innere Integration der Disziplinen und eine klarere, selbstbewusste Interessenvertretung nach außen.
Denn die Biologie hat keinerlei Veranlassung, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Sie ist für nahezu alle großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts relevant, entsprechend selbstbewusst können und müssen wir gerade auch gesellschaftlich und politisch auftreten.
Das wird nicht jeden oder jede immer freuen - schafft aber Gelegenheit für weitere konstruktive Diskurse gerade auch im Konzert mit den anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen.
4. Wie sehe ich die Lage der Naturwissenschaftler/-innen insgesamt?
Die Naturwissenschaften stehen derzeit in einem gewissen Spannungsfeld. Einerseits sind ihre Erkenntnisse und Methoden gesellschaftlich unverzichtbar - für Klimamodelle, Pandemievorsorge, Ressourcensicherung, technologische Innovationen und wirtschaftliches Wachstum. Andererseits können wir diese Erkenntnis in Zeiten von Fakenews und “Alternativen „Wahrheiten“ nicht mehr als gegeben voraussetzen. Hier bleibt im Sinne der „Scientific Literacy“ noch viel zu tun – angefangen bei den Kleinsten.
Aber auch im Bereich der Hochschulbildung sieht es nicht gut aus, denn die Zahlen der Absolvent/-innen sinken. Viele Naturwissenschaftler/-innen erleben eine wachsende strukturelle Unsicherheit: befristete Beschäftigungsverhältnisse, zunehmende internationale Konkurrenz und politische Schwerpunktverschiebungen in der Förderpolitik.
Insgesamt nimmt die langfristige institutionelle Planungssicherheit ab, während zugleich die Erwartungen an Transfer, Innovation und unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen steigen. Unter den Stichworten „Dual-Use“- und „sicherheitsrelevante Forschung“ ist auch die sicherheitspolitische Zeitenwende in den Naturwissenschaften angekommen. Und das wird Prioritäten wie auch das Selbstverständnisse deutlich verändern.
5. Größte Herausforderung der Biowissenschaften im globalen Wandel
Die größte Herausforderung ist die Komplexität des globalen Wandels – und das erzeugt Verunsicherung, Ratlosigkeit und mitunter auch Wissenschaftsskepsis.
Klimawandel, Biodiversitätsverlust, neue Infektionskrankheiten und Ernährungssicherheit lassen sich jedoch nicht isoliert bearbeiten. Sie erfordern systemisches Denken und integrative Lösungsansätze.
Hier liegt eine besondere Stärke der Biologie: Sie verbindet Ebenen, vom Molekül über den Organismus bis zum Ökosystem. Diese Integrationskraft ist entscheidend, um tragfähige und langfristige Strategien zu entwickeln.
Wir müssen gesellschaftlich noch deutlicher machen, warum komplexe und langfristig angelegte Lösungen notwendig sind, auch wenn sie politisch weniger spektakulär erscheinen als kurzfristige Maßnahmen und oft erhebliche Investitionen erfordern. Es ist Aufgabe der Biologie, diese Perspektive immer wieder klar, sachlich und evidenzbasiert in die öffentliche Debatte einzubringen. Nur so entsteht resilientes, langfristiges Vertrauen in die naturwissenschaftliche Forschung.
6. Der Zugang zu biologischen Daten ist essenziell!
Moderne biologische Forschung basiert auf großen internationalen Referenzdatenbanken – von Genomdaten über Biodiversitätsdaten bis hin zu epidemiologischen Datensätzen. Diese Infrastrukturen sind keine optionalen Werkzeuge, sondern grundlegende Arbeitsvoraussetzungen. Vor diesem Hintergrund ist die Sicherung von Daten keine technische Detailfrage, sondern eine Frage wissenschaftlicher Souveränität.
Bereits heute sind Millionen von ehemals frei zugänglichen wissenschaftlichen Publikationen aus dem Internet verschwunden. Das darf sich bei Forschungsdaten keinesfalls wiederholen. Aber die Aussichten sind nicht gut: Derzeit beobachten wir weltweit eine Erosion langfristiger Finanzierungsmodelle für biowissenschaftliche Dateninfrastrukturen. Die USA haben hier problematische Signale gesetzt. Aber auch in Deutschland werden nachhaltige Grundfinanzierungen zunehmend durch kurzfristige Projektlogiken ersetzt. Das ist riskant, denn biologische Datenbanken benötigen Kontinuität, professionelle Kuratierung und dauerhaft gesicherte Qualitätsstandards.
Der VBIO setzt sich deshalb für eine nachhaltige öffentliche Grundfinanzierung zentraler Datenbanken, für europäische Datensouveränität, für offene und qualitätsgesicherte Standards sowie für die Anerkennung von Datenkuratierung als eigenständige wissenschaftliche Leistung ein. Daten sind nicht Nebenprodukt, sondern Kernprodukt wissenschaftlicher Arbeit – ihr verlässlicher Zugang ist Teil der Forschungsinfrastruktur.